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Abweichungen bei Prognosen

Die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes weisen seit Langem auf einen Bevölkerungsrückgang hin. Im Moment hat sich diese Voraussage nicht bestätigt. Die Differenz zwischen Vorhersage und realer Entwicklung beträgt bis zu 1,7 Mio. Menschen. Wie kann es zu diesem Unterschied kommen?

Im Auftrag der Bertelsmannstiftung untersuchte Manuel Slupina die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes von 2000 bis 2015 und analysiert die Ursachen für die Abweichungen.

Slupina identifiziert vier Punkte:

  1. Defizite bei der Bevölkerungsfortschreibung mit einer Überschätzung des Bevölkerungsstandes,
  2. Unterschätzung des Wanderungsgewinn aus dem Ausland,
  3. Unterschätzung der Lebenserwartung und
  4. Fehleinschätzung bei der Geburtenrate.

Ad 1) Überschätzung der Bevölkerung

Nach der Durchführung der Volkszählung im Jahr 2011 zeigte sich, dass in vielen Kommunen der Bevölkerungsstand überschätzt worden war. In Deutschland wohnten zum Zeitpunkt der letzten Volkszählung 2011 insgesamt 1, 6 Mio weniger als angenommen, weil die betreffenden Personen bereits Deutschland verlassen bzw. verstorben waren. Die Bevölkerungsvorausberechnungen gingen fälschlicherweise von einem höheren Bevölkerungsstand durch diese Meldefehler aus.

Ad 2) Zuwanderung

Ad 2) Setzungen zur Migration sind in der Regel schwierig vorzunehmen, da der Wanderungsgewinn in den 15 Untersuchungsjahren stark schwankte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch bei den Bevölkerungsvorausberechnungen die Setzungen nicht immer die reale Entwicklung wiedergegeben haben. Im Durchschnitt der letzten 20 Jahre – so zeigt Slupina auf – verzeichnete Deutschland einen durchschnittlichen Bevölkerungsgewinn von 250.00 Personen pro Jahr. Der Gewinn verteilt sich jedoch auf unterschiedliche Phasen. In der Periode von 2000 bis 2011 liegt der Wert bei 96.000 Personen pro Jahr. Vorausberechnungen mit einer Setzung von einem Zuwachs von 100.000 Einwohner pro Jahr bilden die Entwicklung relativ realistisch ab.
Nach 2012 steigt die Migration auf ein deutlich höheres Niveau, so dass dann Szenarien mit einem Wanderungsgewinn 200.000 Einwohnern die reale Entwicklung zutreffender voraussagen konnten.
Die Migration Dank besserer Setzungen besser vorauszusagen, wird auch in Zukunft schwer sein.

 

Abweichungen der ausgewählten Varianten (der Bevölkerungsvorausberechnungen) niedriger Zuwanderung (100.000) vom Fortschreibungsergebnis der Bevölkerung nach Alter im Jahr 2016 (in Prozent); Abbildungsquelle: Slupina (2018, S. 17)

Ad 3) Lebenserwartung

Abweichungen der ausgewählten Varianten (der Bevölkerungsvorausberechnungen) mit niedriger Zuwanderung vom Fortschreibungsergebnis der Bevölkerung nach Alter im Jahr 2016 (in Prozent)

Die Einschätzung der Lebenserwartung geht von kontinuierlichen – und so die Hoffnung – besser festzusetzenden Entwicklungstrends aus. Die Lebenserwartung stieg und steigt weiter an. Doch auch hier unterschätzten die letzten Bevölkerungsvorausberechnungen die Steigerung der Lebenserwartung in den letzten 15 Jahren (siehe Abbildung).

Slupina weist auf die Verringerung der Kindersterblichkeit hin. Sie hatte bisher den größten Effekt auf die Voraussage. Dieser Faktor wird in Zukunft sich nicht mehr stark verändern.

Die Verbesserung der medizinischen Versorgung für Ältere und die Einflüsse auf eine Erhöhung des Lebensalters diskutiert Slupina mit einigen, oft antagonistischen Thesen. Einige Wissenschaftler gehen seinen Angaben nach davon aus, dass Menschen länger gesund leben und sich dadurch die Lebenserwartung erhöht. Andere zeigen auf, dass Menschen zwar länger leben, die hinzugewonnen Jahre aber durch eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit geprägt sind. Dies ist wiederum vom Gesundheitsverhalten und Schicht abhängig. Besser gebildete verhalten sich gesundheitsbewusster und leben somit länger.

Die wichtige Frage für eine Prognose ist folglich, wie die Wohlstandentwicklung in den verschiedenen Generationen hier ineinandergreift und welche Effekte die bessere gesundheitliche Versorgung auf die Lebenserwartung ausüben. Dies beschreibt Slupina leider nicht. Für weitere Bevölkerungsvorausberechnungen bleibt hier eine Lücke bestehen.

Ad 4) Geburtenrate

Zusammengefasste Geburtenziffer in West- und Ostdeutschland von 1950 bis 2015

In den Medien wurde über den Geburtenanstieg in den letzten Jahren oftmals berichtet. Die Unterschätzung der Anzahl der Geburten hat einige Gründe. Wird der Wanderungsgewinn zu niedrig beziffert – wie es geschah – so fällt auch die Zahl der potentiellen Mütter und damit auch Kinder niedriger aus. Als weiteren Effekt benennt Slupina die Verlagerung Erstgebärendenalters. In Ostdeutschland realisierten Frauen ihren Kinderwunsch in einem späteren Lebensalter.
Durch das Verschieben der Familienphase auf ein späteres Lebensalter ergaben sich für Statistiker einige Probleme.  Da die Statistiker in der Regel mit der aktuellen Fertilitätswerten rechnen, die wie ein Blitzlicht die aktuelle Situation abbilden, und diesen Nachholeffekt bei der Familienbildung nicht berücksichtigen, wurden hier falsche Einschätzungen getroffen. Eine Steigerung der Geburtenrate in einem späteren Lebensalter war von den meisten Statistikern nicht erwartet worden. Sie orientieren sich und orientierten sich an aktuellen Ereignissen. Auf diesen Missstand weisen der Forschungsverbund des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung in Rostock und das österreichische Institut für Demographie in Wien hin.

Häufig wird in der Presse der erhöhte Zuzug von nicht-deutschen Mütter mit einem Anstieg der Geburten in Verbindung gebracht. Auch Slupina folgt dieser Argumentation. Leider kann dies nicht erklären, warum es ausgerechnet in Ostdeutschland zu einer hohen Steigerung der Geburtsrate kommt, obwohl hier sehr wenige nicht-deutsche Frauen leben. Ähnliche Fragen stellen sich für viele suburbane Gemeinden, die zwar einen Babyboom erleben, aber kaum über Einwohner nicht-deutscher Herkunft verfügen.

Hier fehlen weitere Untersuchungen zum Wertewandel junger Frauen und auch zu einer möglichen Erhöhung der Kinderzahl. Wie der Economist im Juli 2018 berichtete, gibt es nur wenige Belege, dass Kinderlosigkeit und Fertilität zusammenhängen. So ist der Anteil kinderloser Frauen im kinderreichen Irland fast genauso hoch wie in Deutschland. Kinderlosigkeit wird zunehmend ein soziales Phänomen. Der Anteil von kinderlosen, niedrigqualifizierten Frauen steigt, wie Daten aus Finnland zeigen. Statt dessen nimmt die Zahl der Kinder bei Akademikerinnen zu. Dies kann eine mögliche Ursache bei der Veränderung der Geburtenrate sein.

Im Moment sehen wir in vielen Kommunen relativ vermögende, kinderreiche Familien. Die bekannte Formel „Eltern und zwei Kindern“ scheint aufzuweichen. Familien erweitern sich um ein drittes und in manchen Fällen um ein viertes Kind.

Im Moment werden beim Thema Fertiltität weitere Studien benötigt. Für eine Analyse der Fertilität sind diese Entwicklungstendenzen einflussreich. Die Quantifizierung dieser Trends ist für eine Bevölkerungsvorausberechnungen bedeutsam. Hier bleibt es an den Bevölkerungswissenschaftlern weitere Analysen vorzulegen.

Literatur:

Slupina, Manuel: Einflussfaktoren des demographischen Wandels. Expertise im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

The Economist: „The rise of Chillessness“, 29th Juli 2017.

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